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Historie 5: Beginn des Aufschwungs

Author: Dirk Gundel Thursday, June 26th, 2003 No Commented Under: Historie

In loser Folge wollen wir an Athleten erinnern, die sich um die Entwicklung unserer Sportart in Deutschland verdient gemacht haben.

Teil 5: Die erste deutsche Olympiasiegerin im Eisschnelllaufen

Prolog:
Der 2.Weltkrieg war vorbei, und Deutschland lag in Schutt und Asche. Die Siegermächte hatten Deutschland aufgeteilt, zahlreiche Eisbahnen waren zerstört und Schlittschuhe und entsprechende Kleidung gehörten zur Mangelware.

Da Deutschland schon vor dem Krieg den Anschluss an die Weltspitze deutlich verloren hatte, war das Schlimmste zu befürchten.

Es erscheint fast wie ein Wunder, das die Eisschnellläufer nur ein paar Jahre später in die Weltspitze zurückkehrten. Nach einem kurzen gemeinsamen Weg trennten sich schnell die Wege der Athleten aus Ostdeutschland und Westdeutschland. 1949 wurden die BRD und die DDR gegründet, damit war die Trennung endgültig vollzogen.

Die Geschichte der nachfolgenden 40 Jahre kann deshalb nur getrennt betrachtet werden. Die ersten internationalen Erfolge wurden durch die DDR Athleten erzielt und deshalb soll mit ihrer Entwicklung in der Nachkriegszeit begonnen werden.

Die Wiege der Erfolge der späteren Eisschnelllaufgenerationen liegt bereits über 40 Jahre zurück, und ist eng mit dem Namen Helga Haase verbunden.

Ihr Olympiasieg 1960 in Squaw Valley sorgte für einen Aufschwung der Sportart im Osten Deutschlands und nicht zuletzt zum Bau der ersten 400 Meter Kunsteisbahn Deutschlands.

Aber der Reihe nach:

Am 09.06.1934 zu einer Zeit in der der zweite Weltkrieg nahte, wurde Helga Obschernitzki in Danzig-Schidlitz (heute Gdansk) geboren. Bei Kriegsende flüchtete sie mit ihren Eltern und zwei Geschwistern nach Schwerin.(4 weitere Geschwister wurden später in Schwerin geboren) Im dortigen Vorort Neumühle gehörte ihr Vater Paul schon 1946 zu den Gründungsmitgliedern und eifrigsten Organisatoren des Fußballteams Sportgemeinschaft Traktor Neumühle. Helga selbst spielte Handball bei dem damaligen BSG Empor Schwerin.

Wie gut und erfolgreich sie in dieser Sportart geworden wäre bleibt im Ungewissen, ein Zufall sollte ihr Leben fortan grundlegend ändern. 1952 suchte der Vorgänger des SC Dynamo Berlin , der Sportverein Deutsche Volkspolizei Berlin, per Rundschreiben Eisschnellläufer. Helga fiel dieses Rundschreiben in die Hände und da sie leidlich Schlittschuh laufen konnte, meldete sie sich zum Vorlaufen an. Die Anwärter stellten sich einem gewissen Helmut Haase vor, der im März 1952 der damals 17 jährigen genügend Talent bescheinigte und sie in den Verein und in sein Herz aufnahm.

Später folgte ihr auch die vier Jahre jüngere Schwester Margot (verheiratete Bräuer) nach Berlin, die es ebenfalls ins Nationalteam der DDR schaffte.

GeisingZu dieser Zeit waren die Rahmenbedingungen für das Eisschnelllaufen schon erheblich verbessert. In der Werner-Seelenbinder-Halle , die 1950 erbaut wurde, stand den Berlinern eine Kleinbahn zur Verfügung. Da sich auf Grund der Witterungsbedingungen die Natureisbahnen in Berlin, Crimmitschau und Schönheide als nicht stabil erwiesen hatten und Wettkämpfe immer wieder ausfielen, wurde 1952 im erzgebirgischen Geising (Bild) eine neue Bahn errichtet. Die Meteorologen hatten diesen Standort empfohlen. So konnte 1953 endlich die erste DDR Meisterschaft in Geising stattfinden. Zudem wurden auf den Bahnen im polnischen Zakopane, im russischen Gorki und anderen Eisbahnen der Sowjetunion Training und Wettkämpfe durchgeführt. Natürlich waren die Rahmenbedingungen nicht annähernd so gut wie in den traditionellen Eislaufnationen, aber es ging langsam aufwärts.

Da die nationale Konkurrenz Mitte der 50er Jahre (Waltraud Thun-Scheunemann, Margit Grobe, Inge Görmer ) zahlenmäßig gering war konnte Helga Obschernitzki schnell erste Erfolge vorzeigen. Im Februar 1954 wurde sie Dritte der Meisterschaften in Geising. Nach einem Jahr Pause (am 17.01.55 wurde Tochter Cornelia geboren) startete Helga eine glänzende Karriere. Nunmehr unter dem Namen Haase laufend (im Mai 1955 hatte sie ihren Helmut geheiratet) gelang ihr bei der Weltmeisterschaft 1956 der Sprung auf Rang 17. Ein Jahr später gewann Helga den ersten ihrer 26 DDR Meistertitel (inklusive Kleinbahn).

Beim Jahreshöhepunkt 1956, den Olympischen Spielen, liefen nur Männer, Frauen waren dort immer noch nicht zugelassen.

Kurz vor den Olympischen Spielen hatte ein Klubkamerad Helgas für Paukenschläge gesorgt. 58 Jahre nach Julius Seyler schob sich wieder ein Eisschnellläufer aus Deutschland in die Weltspitze. Bei Rennen in Davos nutzte Helmut Kuhnert die idealen Bedingungen zu einer Zeit von 16.33,2 über 10000 Meter. Damit verfehlte er den Weltrekord des Norwegers Hjalmar Andersen nur um die Winzigkeit von 0,6 Sekunden. Auch über 5000 Meter schob er sich in 8.03,0 auf Platz 5 der ewigen Weltbestenliste.

Helmut Kuhnert hatte bereits 1953 bei den ersten DDR Meisterschaften im Alter von 16 Jahren die Bronzemedaille gewonnen. Ein Jahr später holte er sich den ersten seiner insgesamt 17 Meistertitel. Bei den Olympischen Spielen 1956 in Cortina d’Ampezzo (ITA) konnte Helmut nicht ganz an die Leistungen von Davos anknüpfen. Doch mit den Rängen 9 und 10 über die beiden langen Strecken sorgte er für die bis dahin besten Platzierungen eines deutschen Eisschnellläufers bei Olympischen Spielen.

In den nächsten Jahren setzte der Berliner der Konkurrenz, vor allem auf den langen Strecken, mächtig zu. 1958 verfehlte er als Vierter der Mehrkampfweltmeisterschaften nur knapp Edelmetall. Im Olympiajahr 1960 gewann er dann nach 62 Jahren ! wieder eine internationale Medaille für Deutschland, Helmut Kuhnert wurde Dritter der Mehrkampfweltmeisterschaften in Davos. Anschließend sorgte er mit Rang Acht über 1500 Meter bei den Olympischen Spielen in Squaw Valley (USA) abermals für eine Topplatzierung die vor ihm kein anderer Deutscher bei Olympischen Spielen erringen konnte.

Damit hatte Helmut Kuhnert seinen Leistungszenit überschritten, bei den Olympischen Spielen 1964 startete er nur noch über 500 Meter und belegte dort Rang 16. Ein Jahr später beendete der Berliner seiner Karriere und war nun selbst als Trainer tätig.

Helmut Kuhnert ging als erster Deutscher Medaillengewinner im Eisschnelllaufen des 20.Jahrhunderts ein, dass er hier nicht gebührend herausgestellt wird, liegt an dem alles überragenden Triumph der Helga Haase.

Diese deutete als Sechste über 3000 Meter bei der Mehrkampf-WM 1957 in Imatra an, dass sie auf dem Weg in die Weltspitze ist.

1958 war Helga bereits die schnellste Deutsche Läuferin und belegte Rang 6 im Mehrkampf bei der WM. Die gemeinsamen Trainingslager mit der damals dominierenden sowjetischen Nationalmannschaft blieben nunmehr aus, da diese die Konkurrentin nicht auch noch stärken wollten. So wich man ins schwedische Kiruna aus, wo die Berlinerin ganz besondere Privilegien genoss. Sie und ihr Mann durften die Tochter mit in das Ausland nehmen, was zur damaligen Zeit alles andere als selbstverständlich war.

Die Vorbereitung für die Olympischen Spiele 1960 im amerikanischen Squaw Valley verlief glänzend. Helga verbesserte in Davos den Weltrekord im Vierkampf und zwei Wochen später konnte sie ihre Leistung nochmals verbessern, allerdings hatte die Russin Tamara Rylova inzwischen in Medeo den Weltrekord um sensationelle sechs Punkte verbessert. Rylova galt neben Lydia Skoblikova auch als Favoritin für Squaw Valley.

Vor Ort waren die Bedingungen für Helga nicht optimal, denn ihr Mann und Trainer musste zu Hause bleiben. Das US State Department erteilte damals etlichen Trainern und den Journalisten der DDR kein Einreisevisum. So musste Helmut die Wettkampfinstruktionen per Telefon durchgeben. Und das mit Erfolg. In hervorragenden 45,9 Sekunden verfehlte Helga nur knapp den Weltrekord über 500 Meter und ließ sensationell alle Kontrahentinnen hinter sich. Und auf der Erfolgswoge schwimmend gelang ihr auch noch ein glänzender 1000 Meter Lauf. In 1.34,3 blieb sie vor den beiden Favoritinnen Rylova und Skoblikova. Lediglich Klara Guseva ebenfalls aus der Sowjetunion war etwas schneller.

Helga HaaseDamit war das Jahr 1960 das bis dahin erfolgreichste in der Geschichte des Eisschnelllaufens in Deutschland. Gold und Silber durch Helga Haase (Bild)bei den Olympischen Spielen und Bronze für Helmut Kuhnert bei den Weltmeisterschaften.

Nur 15 Jahre nachdem das Eisschnelllaufen in Deutschland an seinem Tiefpunkt angekommen war, stand es nun so gut wie nie zuvor da. Eine nahezu unglaubliche Entwicklung die sicherlich durch viele Faktoren beeinflusst wurde, aber erst durch die “Eisschnelllaufverrückten” um Trainer wie Helmut Haase oder Hermann Kittlaus möglich wurde.

Mit ihren Erfolgen wurde Helga in der DDR eine Berühmtheit. Eisschnelllaufen verlor mehr und mehr das Schattendasein und erste Überlegungen eine vernünftige Eislaufbahn in Berlin zu bauen kamen auf.
Jahr für Jahr konnten mehr Nachwuchsathleten aus dem nun im Aufbau befindlichen System der Talenterkennung für eine kontinuierliche Entwicklung gewonnen werden.

Helga selbst hatte 1960 den Höhepunkt ihrer Laufbahn erreicht. In den nachfolgenden Jahren hatte sie immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen oder hatte mangels Möglichkeiten zu wenig Eistraining absolviert. 1961 und 1962 wurde sie Sechste bzw. Fünfte der Mehrkampf-WM und konnte sich auf zwei Strecken noch jeweils auf Rang Drei platzieren.

Olympia 1964 wurde der internationale Abschied für Helga. Es war ein guter Abgesang aber mit den Rängen vier und fünf über 1000 und 1500 Meter verfehlte sie zweimal knapp die Medaillen.

Die olympischen Spiele die in Helgas Karriere fielen, verdeutlichen auch ein Stück (Eisschnelllauf-)Geschichte. 1952 waren die Sportler der international größenteils nicht anerkannten DDR nicht erwünscht. 1956 waren Frauenrennen im Eisschnelllaufen noch nicht im Programm. 1960 verweigerten die gastgebenden Amerikaner vielen Trainern und Journalisten aus der von Ihnen nicht anerkannten DDR die Einreise. 1964 mussten vorher Ausscheidungsrennen zwischen den Athleten aus der DDR und BRD für die gemeinsame Mannschaft stattfinden.

Bis 1967 lief die Berlinerin noch national weiter, wobei sie bei Meisterschaften nur zweimal mit Silber zufrieden sein musste, ansonsten war sie für die Konkurrenz zu stark. Als Helga Haase zurücktrat war aus dem kleinen Häuflein der Eisschnellläuferinnen ein großes Team geworden. Mit Ruth Schleiermacher stand auch schon eine Nachfolgerin bereit. Diese sollte nur vier Jahre später den ersten Weltmeistertitel für die deutschen Eisschnellläuferinnen gewinnen. Ihr Trainer, und hier schließt sich der Kreis, war Helmut Kuhnert.

Die 400 Meter Bahn in Berlin Hohenschönhausen (genau an der Stelle wo sich jetzt die Halle befindet) bot inzwischen hervorragende Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten. Quer durch die DDR gab es zahlreiche Vereine aus denen viele Nachwuchssportler nach Berlin, später auch nach Karl-Marx-Stadt, Erfurt und Dresden delegiert wurden.

Die Vorraussetzungen sich dauerhaft in der Weltspitze zu etablieren, waren somit geschaffen.

Helga Haase, die Buchhalterin gelernt hatte, gehörte seit ihrem Umzug 1952 der Deutschen Volkspolizei an. Sie war nach ihrer Sportlerkarriere als Sekretärin bei der Zentralen Leitung des SV Dynamo tätig und hatte den Rang eines Majors. Zeitweise gab sie ihr Wissen auch als Trainerin weiter.

1984 musste sie krankheitsbedingt ihre Arbeit aufgeben.

Am 16.06.1989 eine Woche nach ihrem 55.Geburtstag verstarb die Berlinerin, leider viel zu früh.
(c) Dirk Gundel
Teil 1: Julius Seyler
Teil 2: Alfred Lauenburg
Teil 3: Arthur Vollstedt
Teil 4: Die Damen greifen ein
Teil 6: Ein Sprintstern geht auf

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